
Mit dem Wohnmobil von Montenegro nach Albanien (Durrës, Borsh Beach, Ksamil, Butrin, Osum-Schlucht, Berat, Tirana)
Nach der abenteuerlichen Zeit in Montenegro ging es mit dem Wohnmobil weiter nach Albanien. Vom Miami Beach war es etwa eine Stunde Fahrt bis zum Grenzübergang Muriqan/Sukobin.
Von einer Passkontrolle, wie man sie kennt, war das hier weit entfernt: Zwei Zollbeamte standen mit Stift und Papier da und machten pro einreisender Person einen Strich :). Nicht einmal die grüne Versicherungskarte, die für Albanien eigentlich Pflicht ist, wollte jemand sehen.
An dieser Stelle müssen wir kurz auf die zahlreichen Blogartikel eingehen, die wir vor der Fahrt gelesen hatten. Wir können uns nicht erklären, wie so viele Blogger schreiben können, man solle in Montenegro unbedingt volltanken, weil es in Albanien kein Tankstellennetz gebe. Wenn es in Albanien etwas gibt, dann Tankstellen! Wir vermuten, dass ein Großteil dieser Blogger schlicht nie in Albanien war. Wer dorthin fährt, kann sich über vieles Gedanken machen – aber sicher nicht darüber, ob er eine Tankstelle findet. Wichtig zu wissen ist eher: Der Diesel ist mit bis zu 1,70 Euro pro Liter teurer als in Deutschland.
Durrës
Unser erstes Ziel war Durrës, die zweitgrößte Stadt Albaniens. Bis dorthin lief alles ohne Panne, und wir konnten uns schon einmal an die Fahrgewohnheiten der Albaner gewöhnen: Aus einer Spur werden hier grundsätzlich zwei bis drei gemacht. Ampeln? Fehlanzeige! Es gilt das Recht des Größeren und Stärkeren – oder positiver formuliert: Man fährt vorausschauend, mit Respekt und Rücksicht auf andere. Und „andere" sind nicht nur Autos, Busse und Wohnmobile, sondern auch Esel, Pferde und selbstgebaute fahrbare Untersätze. Wer die deutsche Straßenverkehrsordnung liebt und nicht missen will, ist in Albanien komplett falsch.
Durrës ist die wichtigste Hafenstadt des Landes, zählt rund 113.000 Einwohner und gehört neben der Hauptstadt Tirana zu den wichtigsten Wirtschaftsstandorten Albaniens. Wir wollten nur eine Nacht bleiben und entschieden uns, frei zu stehen: Im Hafen fanden wir einen Parkplatz für 200 Lek – umgerechnet 1,70 Euro. Von dort ist man zu Fuß zügig im Zentrum.

Durrës bietet einige kulturelle Schätze – allen voran das einzige Amphitheater des Landes, das zur Römerzeit rund 20.000 Menschen Platz bot. Entdeckt wurde es im 20. Jahrhundert durch puren Zufall beim Bau eines Weinkellers. Neben diversen Veranstaltungen ist die Besichtigung für umgerechnet 4,50 Euro pro Person möglich. 2013 zählte die Organisation „Europa Nostra" das Amphitheater allerdings zu den gefährdetsten Kulturstätten Europas – es drohen Schäden durch versickerndes Wasser, Erosion und die Bebauung in unmittelbarer Nähe.
Unser Weg führte am Amphitheater und der Moschee vorbei, durch eine Restaurant- und Einkaufsmeile und am Meer entlang. An der Promenade stehen ganzjährig Fahrgeschäfte wie vom Rummelplatz – am Wochenende geht es hier laut und wild zu. Aktuell wird die Promenade komplett erneuert, entsprechend ist mit Baulärm zu rechnen.
Am Nachmittag gönnten wir uns in einem der vielen Restaurants am Hauptmarkt eine Pizza und kühle Getränke und sahen einfach dem Treiben zu. Weiter ging es zum byzantinischen Marktplatz: Zwischen Wohn- und Geschäftshäusern liegen die Ruinen der Agora aus byzantinischer Zeit, die mittlerweile nicht mehr zugänglich sind – die wieder aufgerichteten Säulen und den Brunnenschacht sieht man nur noch durch einen Zaun.

Zu Fuß kommt man außerdem an der großen Moschee von Durrës und der alten venezianischen Stadtmauer aus dem 15. Jahrhundert vorbei. Die Venezianer nannten die Stadt damals Durazzo – davon leitet sich der heutige Name ab. Nach einem langen Tag auf den Beinen zogen wir uns wohlverdient ins Wohnmobil zurück.
Borsh Beach
Von Durrës ging es früh morgens Richtung Ksamil – laut Navi rund 6 Stunden, die es in sich haben. Auf diesem Weg merkten wir zum ersten Mal, wie viel Nachholbedarf Albanien beim Straßenbau hat: Es gibt einige sehr gut ausgebaute Straßen, der Rest besteht aus Schlaglöcher-Umfahren und Schotterpisten. Autobahnen kennt man nicht, man fährt auf einer der wenigen Hauptverkehrsstraßen – in unserem Fall der SH4, die neben der SH8 zu den besten des Landes zählt. Für uns beide waren es auch die ersten Serpentinen in diesem Ausmaß.
Nach den berechneten 6 Stunden waren wir noch längst nicht am Ziel und machten einen Zwischenstopp am Borsh Beach. Von den Serpentinen führt eine kleine Straße durch das Dorf Borsh bis an den Strand, wo bereits einige andere Camper frei standen.

Hier unten gab es außer den frei stehenden Wohnmobilen fast nichts – nur Natur. Da laufen einem schon mal Kühe, Schafe, Hunde und Wildschweine über den Weg. Eine Gefahr sind sie nicht, sie halten genug Abstand zu den Fahrzeugen.

Neben der Polizeistation direkt am Strand baute gerade ein albanisches Pärchen eine Strandbar auf – vermutlich in Erwartung des großen Tourismus, denn genutzt wurde der Strand nur von den Campern. Was die Polizeistation dort unten sucht, wissen wir nicht :). Die Herren in Uniform machten es sich jedenfalls bei einem Kaffee an der halbfertigen Strandbar gemütlich – und nicht selten zogen sie sich um und standen in Badehose im Wasser.
Der Borsh Beach ist ein kleiner Geheimtipp für Camper, die frei stehen wollen. Wichtig: genug Verpflegung eindecken, denn Einkaufsmöglichkeiten gibt es hier keine. Plätze für Wohnmobile aller Größen gibt es dafür mehr als genug, und so hatten wir angenehmen Abstand zum nächsten Fahrzeug. Nach einem Strandtag und leckeren Würstchen von unserem FENNEK-Grill ging es ins Bett. Die Nacht war etwas stürmisch, aber ruhig.
Ksamil
Am nächsten Morgen hieß es: Markise einfahren und weiter über die Serpentinen nach Ksamil. Nach knapp drei Stunden erreichten wir den Campingplatz:
Ksamil Caravan Camping, SH81, Ksamil, Albanien
www.ksamilcaravancamping.com
Der Weg ist gut ausgeschildert und führt über einen Schotterweg hinter ein paar Häusern entlang – einfach den blauen, selbst gemalten Schildern folgen. Aber aufgepasst: Wir spoilern schon mal, dass das der Campingplatz schlechthin in Albanien ist – und manche Hausbesitzer mit etwas Grundstück davor versuchen, mit ähnlichen Schildern am Gartentor Gäste abzugreifen.
Angekommen, wurden wir von Linda und Aleksander herzlich empfangen und direkt auf einen Frappé (kalter Kaffee mit Eis) eingeladen. Nachdem wir uns einen Stellplatz ausgesucht hatten, wurde er auf der Dachterrasse serviert – samt eiskaltem Wasser. Die beiden sprechen ein paar Worte Deutsch, Italienisch und gutes Englisch.
Dann die Sanitäranlagen: ein Traum! Das hat schon etwas von einem Fünf-Sterne-Hotel. Neben den wirklich schönen, sauberen und geräumigen Anlagen gibt es Gaskochplätze, Kaffeemaschinen sowie Kühl- und Gefrierschränke – alles kostenfrei nutzbar. Nur die Waschmaschine kostet 1,50 Euro pro Waschgang, völlig akzeptabel.

Linda war von den frühen Morgenstunden bis in den späten Abend damit beschäftigt, den Platz zu reinigen, den Gästen Frappé zu servieren und – wenn man wollte – einen Plausch zu halten. Zu jedem Frappé gab es kostenfrei eine Flasche eiskaltes Wasser. Solch einen Service haben wir auf noch keinem Platz erlebt, seit wir mit dem Wohnmobil unterwegs sind.
Ksamil selbst ist ein typischer Strandort: neben vielen nie fertiggestellten Schwarzbauten gibt es einige sehr leckere Restaurants, drei Supermärkte und kleine private Hotels und Apartments. Entlang der einzigen Straße durch den Ort stehen zahlreiche Leute mit Schildern, die Apartments vermieten wollen – und man findet dort alles, was man für den Aufenthalt braucht, zu erstaunlich günstigen Preisen.
Ksamil war auch unser erster Supermarktbesuch in Albanien. Auch hier hatten wir aus diversen Blogs im Kopf, man könne nur anhand von Produktbildern einkaufen. Ebenfalls eine Fehlinformation: In albanischen Supermärkten gibt es – wie in Montenegro – viele deutsche Produkte (ja, die Albaner stehen auf deutsche Produkte), und die einheimischen Produkte sind auf der Rückseite oft englisch beschriftet. Nur an der Frischetheke wurde es schwieriger, weil kaum jemand Englisch spricht: Einmal half uns ein albanischer Kunde als Übersetzer, das andere Mal der Google Translator. Alles kein Problem – und reine Panikmache, wenn anderes behauptet wird.
Der Tourismus ist hier definitiv angekommen: Neben Einheimischen sieht man viele Deutsche, Polen, Tschechen, Schweizer und Skandinavier. Freie Strandflächen zum Handtuch-Hinlegen gibt es in Ksamil praktisch keine, also mieteten auch wir zwei der vielen Liegestühle – für 2 Euro pro Person absolut in Ordnung. Vom Campingplatz sind es etwa 250 Meter über einen kleinen Trampelpfad zum Strand oder rund 20 Minuten zu Fuß zum Strand bei den Ksamil Islands.

Die Ksamil Islands sind drei Inseln vor dem Strand, die man aus eigener Muskelkraft (schwimmend) oder mit einem gemieteten Tretboot erreicht. Wir selbst waren nicht drüben – es war einiges los, und wir wollten uns nicht in die Menschenmasse zwängen.
Egal an welchem Strand: Es erwarten Dich genug Sand und traumhaft türkises Wasser. Neben einem Ausflug nach Butrint verbrachten wir fünf Tage damit, die Füße hochzulegen, die Drohne (DJI Mavic 2 Pro) in die Luft zu schicken und dieses Land einfach zu genießen.
Die fünf Tage kosteten uns inklusive Strom und Wasser 60 Euro – für alles. Weil uns der Service so begeistert hat, drückte ich Linda 100 Euro in die Hand. Da sie nicht wechseln konnte, wollte sie am Ende nur 50 Euro nehmen und gab mir den zweiten Schein zurück. Ich habe abgelehnt und ihr die 40 Euro als Trinkgeld gegeben. Sie konnte es kaum fassen – und kaum war ich zurück am Wohnmobil, kam sie gefühlt zum zehnten Mal in diesen fünf Tagen mit Frappé und Wasser zu uns heruntergerannt. Als Dankeschön (40 Euro sind in Albanien viel Geld) bekamen wir noch eine Flasche selbstgemachtes Olivenöl. An dieser Stelle nochmals ein herzliches Dankeschön an Linda und Aleksander für diese unglaublich herzlichen Tage!
Butrint Nationalpark
Die antike Stätte der Römer, Griechen und Osmanen ist nur eine kurze Busfahrt von Ksamil entfernt. Man stellt sich einfach an die Straße durch den Ort, wartet auf einen der alle 20 Minuten verkehrenden Busse mit der Aufschrift „Butrint" und hält ihn per Handzeichen an – Bushaltestellen, wie wir sie kennen, gibt es in Albanien nicht. Zu unserem Erstaunen war es ein ehemaliger Bus des Münchner Verkehrsverbunds, komplett mit der Werbung „Ihre Tickets zu fairen Preisen" :). Bezahlt wird erst am Ende der 20-minütigen Fahrt: umgerechnet 50 Cent pro Person. Der Eintritt nach Butrint kostet ca. 700 Lek pro Person (ca. 5,80 Euro).
Mit mehr als 800 Pflanzenarten, über 240 Vogelarten, 15 Fischsorten und 39 Säugetierarten ist die vom Butrintsee und dem Vivar-Kanal umgebene Ruinenstadt definitiv einen Tagesausflug wert. Butrint ist neben Gjirokastra und Berat das dritte UNESCO-Weltkulturerbe Albaniens – und man sieht deutlich, dass hier am meisten gepflegt wird. Wer keine geführte Tour will, bekommt am Eingang eine kleine Karte in verschiedenen Sprachen.
Die griechische Mythologie besagt, dass „Buthrotum" – so der überlieferte römische Name – von Überlebenden der gefallenen Stadt Troja gegründet wurde. Butrints Geschichte ist sehr wechselhaft: Die Stadt war ebenso begehrt wie umkämpft, und so findet man bis heute architektonische Spuren hellenischen, byzantinischen, römischen, osmanischen und venezianischen Lebens.

Die Wasserquelle Blue Eye
Auf der Weiterfahrt nach Gjirokastra kamen wir am Blue Eye vorbei. Irgendwann taucht ein Hinweisschild auf, dann geht es von der SH99 ab zum „blauen Auge Albaniens". Nach einer schmalen einspurigen Brücke ist Schluss mit Teer: Es folgen gut 10 Minuten Schotterstraße, bei uns vom Regen bereits aufgeweicht.
Vorbei an vielen Schlaglöchern fanden wir auf halber Strecke einen großen, komplett leeren Parkplatz und beschlossen, die letzten Meter zu Fuß zu gehen – die richtige Entscheidung, denn die engen Parkplätze direkt am Bergsee waren voll belegt.

Der Eintritt kostet ca. 100 Lek (ca. 0,80 Euro). Das rund 50 Meter tiefe Quellloch – die genaue Tiefe konnte bis heute niemand ermitteln – zieht die Besucher magisch an, und auch wir wollten uns den Abstecher trotz Regens nicht entgehen lassen. Viel zu „erleben" gibt es hier nicht, aber allein die Natur mit ihren grünen, blauen und purpurnen Farben wirkt wie aus einem Märchen. Wir warteten, bis wir auf die einzige Plattform konnten, machten einige Fotos – das war’s. Zurück ging es vorbei an unzähligen Besuchern zum Wohnmobil.

Gjirokastra
Vom Blue Eye ging es weiter nach Gjirokastra. Den Tipp für den Campingplatz hatten wir schon in Ksamil von einem Deutschen bekommen, der seit 10 Jahren durch Albanien reist:
Camping Gjirokaster, Topullaraj
campinggjirokaster.al
Ein kleiner Platz mit einem von den Betreibern geführten Restaurant, etwa 20 Fahrminuten außerhalb des Zentrums. Von den rund 15 Parzellen waren nur 4 belegt. Die Sanitäranlagen sind okay – sauber, aber laut Beschilderung darf kein Toilettenpapier in die Toilette. Ich habe es trotzdem getan, denn wohin sonst damit :).

Da wir superhungrig waren, folgten wir dem Tipp mit der „Hausmacherplatte" und besuchten das Restaurant. Durch die rustikale Holzbauart fühlt man sich wie in einem Gasthaus in den Schweizer Bergen. Die Karte kommt auf Englisch, wir entschieden uns pauschal für die gemischte Platte mit allerlei albanischen Spezialitäten: Hühnchen, Käse, Reisbällchen, Gemüse, Weinblätter, Rind und andere Kleinigkeiten. Sehr lecker und nur zu empfehlen! Die Platte reicht locker für zwei Personen und kostete umgerechnet 4,20 Euro.

Als wir den Betreiber nach einem Taxi ins Zentrum fragten, schnappte er sich kurzerhand den Autoschlüssel und fuhr uns kostenfrei hinein – ein klasse Service, den wir mit einem Trinkgeld honoriert haben.
Gjirokastra ist das kulturelle Zentrum Albaniens und wird auch „Stadt der tausend Stufen" genannt. Die Altstadt zeichnet sich durch kleine Häuser mit pyramidenförmigen, steingedeckten Dächern aus. Die Stadt mit ihren rund 20.000 Einwohnern wurde 2005 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt und wirkt durch das Gebirge Mali i Gjerë, das sich um sie schlingt, fast surreal.
In der Touristeninformation besorgten wir eine Stadtkarte – und da wir unweit der alten Burg standen, war das unser erstes Ziel. Spätestens jetzt versteht man den Namen „Stadt der tausend Stufen" :). Oben angekommen, gibt es verschiedenste Kanonen und ein altes Flugzeugwrack aus kriegerischen Zeiten zu besichtigen. Und der Ausblick ist atemberaubend!

Neben Burg und Museen gibt es in Gjirokastra alte Moscheen aus osmanischer Zeit, was man der Bausubstanz ansieht. Gut 70 % der Albaner sind gläubige Muslime – das friedliche Zusammenleben mit anderen Religionen ist hier eine Selbstverständlichkeit. Zurück in der Stadt kommt man unweigerlich an zahlreichen Souvenirgeschäften vorbei, die aktuell nur über Baustellen erreichbar sind: Hier wird an allen Ecken gebaut und erneuert.

Nach einigen Stunden Sightseeing ging es für umgerechnet 8 Euro mit dem Taxi zurück zum Campingplatz. Dort kann man höchstens dem Bauern zusehen, wie er seine einzige Kuh von der Weide in den Stall bringt. Wir verbrachten den Abend mit einem Gläschen Wein, Kniffel und Mensch-ärgere-dich-nicht. Die Nacht kostete uns inklusive Strom ca. 9 Euro.
Berat – die Stadt der tausend Fenster
Von Linda und Aleksander wussten wir, dass Aleksanders Schwester in Berat ebenfalls einen Campingplatz betreibt:
Berat Caravan Camping, Poshnje–Ura Vajgurore
beratcaravancamping.com
Der Platz ist genauso gepflegt wie der in Ksamil, und auch hier sind die Sanitäranlagen ein kleines Highlight. Empfangen wurden wir natürlich wieder mit einem Frappé :) – und trafen prompt einige Bekanntschaften von anderen Campingplätzen unserer Reise wieder. Albanien ist eben klein. Oder besser: Die Camper folgen denselben Tipps.
Ins Zentrum geht es wieder mit dem Bus: vorne an die Hauptstraße stellen, auf die Aufschrift „Berat" warten, Hand raushalten. Der Bus – ein kleiner Mercedes Sprinter – war gut voll, hatte aber noch zwei Plätze für uns. Englisch spricht hier niemand, man kommt mit Händen, Füßen und dem Handy weiter; etwas Unterstützung bekamen wir von einer jungen Dame, deren Jahrgang vermutlich schon Englisch in der Schule lernt. Die Fahrt kostete pro Person ca. 70 Cent.
Die „Stadt der tausend Fenster" zählt zu den ältesten Albaniens – und der Name erklärt sich mit einem Blick auf die Kulisse von selbst: Geprägt wird sie von den vielen osmanischen Häusern, die sich im einst rein muslimischen Viertel Mangalem den Hang hinaufreihen. 2008 wurde die Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

Der touristische Anziehungspunkt ist das Burgviertel: Die Burgfestung (Kalaja) über den Hausdächern ist das Wahrzeichen der Stadt und ein Pflichtbesuch. Aber nicht vom anfangs harmlosen Anstieg täuschen lassen – der Weg hinter die Burgmauern hat es in sich und wird von Mal zu Mal steiler. Festes Schuhwerk ist zu empfehlen! Oben erwarten Dich innerhalb der Mauern viele kleine Kirchen, Moschee-Ruinen, Cafés, Restaurants – und ein Ausblick, für den sich der Aufstieg definitiv gelohnt hat.

Den Abend verbrachten wir wieder auf dem Campingplatz, sahen uns die vielen Bilder an – und die Drohne stieg natürlich auch noch einmal auf, um ein paar Videos der Landschaft zu machen.
Osum-Schlucht, der Grand Canyon Albaniens
Auf dem Weg von Berat nach Tirana machten wir einen Abstecher in die Osum-Schlucht – so etwas wie der Grand Canyon Albaniens, etwa eine Autostunde von Berat entfernt (von dort wäre auch ein Tagesausflug oder eine geführte Tour möglich). Die tief in die Landschaft eingeschnittene Schlucht ist rund 13 Kilometer lang, zwischen zwei und 30 Meter breit und geht an einigen Stellen 70 bis 80 Meter in die Tiefe.

Entlang der Straße „Rruga e Kanioneve" kommt man mit dem Wohnmobil entspannt auf gut geteerter Straße einmal um den kompletten Canyon herum. Alle paar Kilometer gibt es eine Aussichtsplattform, eine alte Mühle, eine kleine Kapelle oder andere Sehenswürdigkeiten.
Dazu zählt das Bride’s Hole, 800 m vom Ort Bogazi entfernt: ein Hohlraum von 7–8 m Länge und 2 m Durchmesser. Der Legende – beziehungsweise der Beschilderung – nach sollte ein junges Mädchen gegen ihren Willen, aber nach der Tradition verheiratet werden. Sie plante ihre Flucht, betete zu Gott und flehte mit Blick auf die Schlucht: „Öffne die Felsen, um mich zu retten." Sie wurde erhört – vor ihr öffnete sich ein Hohlraum, sie sprang vom Pferd und versteckte sich darin. Bis heute wird das Loch von Bräuten besucht, die sich Kinder wünschen. Mittlerweile gibt es dort eine Aussichtsplattform und eine Tafel auf Englisch und Albanisch.
Der Fußabdruck von Abaz Aliu befindet sich nahe dem Dorf Dhores, etwa 5 km von Çorovoda entfernt: eine kleine Kapelle, die der Legende nach um die Fußabdrücke des Heiligen Abaz Aliu gebaut wurde. Abaz Aliu kam auf einem weißen Pferd zum Berg Tomorr; es wird vermutet, dass er in der Ebene von Kajca und in Dhores Fußabdrücke hinterließ, bevor er zum Berg flog, um seine Feinde zu besiegen. Mit 2.415 m ist der Tomorr einer der höchsten Berge Albaniens – an seiner Südspitze liegt das Grab von Abaz Aliu, die Pilgerstätte der Bektaschi.
Wir sahen uns einige Aussichtspunkte an und entdeckten eine kleine Holzbrücke, die man zu Fuß überqueren kann. Der Canyon ist an verschiedenen Stellen begehbar, und an jeder Ecke findet man neue wunderschöne Plätze. Es soll auch Stellen geben, an die man mit dem Camper für eine Nacht fahren kann – die haben wir leider nicht entdeckt.

Die Ausblicke sind faszinierend, und im Nachhinein ärgern wir uns ein wenig, dort nicht mehr Zeit verbracht zu haben.
Tirana
Die letzte Nacht widmeten wir der albanischen Hauptstadt Tirana, die zu Füßen des Dajti-Gebirges liegt. Wir entschieden uns für:
Camping Tirana, Kashar
www.campingtirana.al
Der Platz liegt etwa eine Fahrstunde außerhalb und bietet Platz für rund 25 Wohnmobile; die Nacht kostete inklusive Strom und Frischwasser 10 Euro. Wir hatten uns bewusst für draußen entschieden, weil wir mehrfach davor gewarnt worden waren, mit dem Fahrzeug ins Zentrum zu fahren – ein wirklich guter Hinweis. Warum, zeigt schon die Fahrstunde dorthin: nicht weil der Platz weit weg wäre, sondern weil Richtung Hauptstadt die absolute Katastrophe tobt. Aus zwei Spuren werden vier, der albanische Autofahrer bleibt auch mal mitten auf der Straße stehen, um sich im Gegenverkehr Feuer für die Zigarette geben zu lassen. Für den geübten deutschen Fahrer: gewöhnungsbedürftig.
Die Betreiberin vermittelte uns ein Taxi – besser gesagt Melvin, offenbar ein Bekannter. Für 25 Euro fuhr er uns beide nach Tirana und holte uns zur vereinbarten Zeit wieder ab. Unterwegs erzählte er einiges über die Geschichte Albaniens und Tiranas, gab uns Tipps zu Sehenswürdigkeiten und Restaurants und setzte uns direkt vor einer Touristeninformation ab, wo wir kostenfrei eine Stadtkarte bekamen. Zu Fuß sind es von dort nur fünf Minuten zum Skanderbeg-Platz, um den sich die meisten Sehenswürdigkeiten gruppieren.

Der Skanderbeg-Platz ist der größte Platz Tiranas und bis heute der Treffpunkt für Verabredungen. Er wurde vollständig renoviert und ist seit Juni 2017 reine Fußgängerzone. Ringsherum stehen die wichtigsten Gebäude: Nationalmuseum, Skanderbeg-Denkmal, Et’hem-Bey-Moschee, Uhrturm, die Ministerien – und dahinter grüßt der Hausberg Dajti.
Das Skanderbeg-Denkmal ist das Reiterstandbild des albanischen Nationalhelden Skanderbeg (eigentlich Gjergj Kastrioti) mitten auf dem Platz. Da es unser letzter Tag war und die Zeit begrenzt, liefen wir die Sehenswürdigkeiten recht zügig ab – unter anderem den Uhrturm gleich hinter der Moschee. Er wurde in den 1820er-Jahren errichtet und 1928 auf 35 Meter erhöht. Früher zeigte er nicht nur die Zeit an: Die Straßenhändler orientierten sich am Schatten des Turms – wanderte er zum Sonnenuntergang über die Moschee, war es Zeit, die Marktstände zu schließen. Für kleines Geld kann man den nachts hell erleuchteten Turm besteigen und bekommt einen fantastischen Blick über das Zentrum.
Die Et’hem-Bey-Moschee stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert, als Tirana noch osmanische Siedlung war, und gilt als ältestes Bauwerk am Platz. Benannt wurde sie nach einem Nachfahren von Sulejman Pascha, der Tirana 1614 gegründet hatte. Das schlanke Minarett zählt bis heute zu den auffälligsten Strukturen am Skanderbeg-Platz; im Inneren zeigen kunstvolle Fresken Wasserfälle, Brücken und Bäume – für den Islam ungewöhnliche Motive.
Die Ministerien und das Nationalmuseum sahen wir uns nur von außen an, denn wir hatten uns für das etwas außerhalb liegende Museum Bunk’Art 1 entschieden. Direkt im Zentrum gibt es auch das kleinere Bunk’Art 2, das sich der Frage widmet, wie Albanien in der kommunistischen Zeit war. „Bunk’Art" heißen beide, weil sie in alten Bunkern untergebracht sind: Bunk’Art 1 liegt in einem verlassenen Militärbunker, der die Eliten des Landes im Falle eines Atomkriegs schützen sollte, und ist am besten mit dem Taxi für ca. 7 Euro zu erreichen. Einen Bus soll es geben – gefunden haben wir ihn nicht.

Bunk’Art 1 ist riesig und eine Besichtigung absolut lohnenswert. Irgendwann standen wir wieder draußen, und der nette Pförtner rief uns ein „Taxi" – na ja, eher einen Kollegen, dem er ein paar Lek zusteckte :). Wir machten uns keinen Kopf – die Albaner hatten wir bisher als unheimlich freundliches Volk kennengelernt –, stiegen in den guten 30 Jahre alten Mercedes und ließen uns zurück ins Zentrum fahren.
Dort besuchten wir noch den Pazari i Ri, den neuen Basar: eine überdachte Fläche mit frischem Obst und Gemüse, Tabak, Schmuck, Käse, Honig, alten Zeitschriften und allerlei Krimskrams. Seltsam nur die Reisepässe aus aller Herren Länder, die dort öffentlich verkauft werden. Insgesamt lohnt sich der Besuch – wir deckten uns mit frischem Obst und Honig ein und zogen weiter.

Mitten im Zentrum sticht die Pyramide von Tirana ins Auge. Einst als Enver-Hoxha-Museum errichtet und später als Kongresszentrum genutzt, ist sie heute ein imposantes Überbleibsel der kommunistischen Ära. Eigentlich ist die Pyramide abgesperrt – aber die Bauzäune standen an einigen Stellen offen, und so gingen wir wie andere auch hindurch.

So bekannt das Gebäude ist – vermutlich wird es bald abgerissen oder komplett umgebaut; ganz einig ist man sich nicht, was aus dem Beton-Glas-Stahl-Bau werden soll. Im Inneren findet man nichts Brauchbares mehr, zu sehr hat der Vandalismus gewütet. Der Blick hinein war es trotzdem wert – wir sind beide fasziniert von alten Bauten und Lost Places.

Nach einem Kaffee stand Melvin pünktlich um 20 Uhr vor der Touristeninformation und fuhr uns zurück zum Campingplatz, wo wir die letzte Nacht verbrachten, über die schönen Urlaubstage sprachen und Fotos anschauten.
Unser Fazit zu Albanien
Das war’s! Die knapp vier Wochen gingen viel zu schnell vorbei. Für die nächste Reise haben wir uns vorgenommen, weniger Orte anzusteuern und diese dafür länger zu genießen.
Vor unserer Reise wurden wir oft mit großen Augen angesehen, wenn wir erzählten, dass wir nach Albanien fahren. Gefühlt hielt es jeder für ein Kriegsgebiet und gab uns ein „Seid bloß vorsichtig!" mit auf den Weg. Nach unserer Reise können wir alle beruhigen: Albanien bietet eine wahnsinnig schöne Naturkulisse, und gepaart mit der herzlichen, freundlichen und hilfsbereiten Art der Albanerinnen und Albaner war das ein Urlaub, den wir garantiert in Erinnerung behalten.
Es war immer flapsig gemeint, wenn ich zu Kathrin sagte, dass ich mich in Albanien sicherer fühle als in der Nürnberger Südstadt oder der Essener Nordstadt. Aber wenn ich ehrlich darüber nachdenke: Es stimmt. Deshalb unsere Meinung – wenn es Euch möglich ist, fahrt unbedingt nach Albanien, bevor der Massentourismus über das Land rollt.


Keine Kommentare
Schreibe einen Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Der Kommentar erscheint nach kurzer Prüfung.